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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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gesetzt, der denn auch mit dem Ausverkauf des großen Lagers nach erprobtem Muster sofort begonnen hatte. Neben der Tatsache, daß Podey zwei Jahre in Moskau sozialistisch geschult worden war, belastete ihn der Umstand, daß er, seinem tschechischen Namen zum Trotz, Deutscher war.

Podey war der Schneiderei zugeteilt worden, die unmittelbar neben der Bücherei untergebracht war. Auf Grund seiner aus» gebreiteten Fachkenntnisse wurde er naturgemäß sofort die Seele des Geschäftes und die rechte Hand des Werkmeisters Müller. Wenn es galt, eine gutsitzende Uniform für einen Wachtmeister zu bauen, dann mußte Freund Podey ran!...

Eines Tages war Podey verschwunden. Meister Müller ging mit grimmiger Miene in seinem Reiche um und schnauzte jeden Gefangenen ganz gegen seine sonstige Gewohnheit heftig an, der in seine Nähe kam.Da hamse mich nu widder mein? besten Arbeiter wegjenommen. Un dafür stecken se einen sonne Schuster in die Schneiderei, die vom Tuten un Blasen keene Ahnung ham, schimpfte er, als ich ihn fragte, warum Podey nicht mehr da sei.Er sitzt driewen in der Dritten in Ein» zelhaft. Warum? Weeß ich ooch nich. Missen se Witte fragen!

Irgendwie sickerte durch, daß er auf Veranlassung der Pra- ger Gestapo eine ‚Sonderbehandlung erfuhr. Ein in der Vers waltung tätiger Schreiber mit dem anspruchsvollen Namen Fortagne und einem im übrigen schauderhaft verbogenen Charakter hatte sich mit dieser Wissenschaft wichtig gemacht. Völlig klar über den Vorgang bin ich erst viel später gewor> den. Dies etwa war der Sachverhalt: Der in Podeys Betrieb eingesetzte Treuhänder hatte unter leichter Verkennung- seiner Aufgabe etwas zu viel für die eigene Tasche getan, und nun, da das Ende der sieben fetten Jahre für ihn heranzunahen, drohte, mußte er das Zeugnis des einzigen Mannes fürchten, der über die einstmals vorhandenen Bestände seines Lagers zuverlässige Mitteilungen machen konnte. Also mußte dieses Zeugnis eliminiert werden. Podey war einer von den sieben, Unglücklichen, die am 12. April, kurz vor dem Einmarsch der Russen, auf dem Friedhofe von Coswig von SS.=Männern erschossen wurden... Durch Wittes Schuld. Daran ist nicht zu zweifeln. Ich habe dies schon festgestellt, und ich komme auf diesen traurigen Umstand zurück, weil ich weiß, daß ein

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