stellte sich in unserer weiteren Unterhaltung heraus, daß Sennewald außerordentlich geklärte Meinungen hatte von der Kriegslage...
Das Idyll unseres englischen Unterrichtes nahm übrigens nach wenigen Wochen ein jähes Ende. Von irgendeinem seiner Kollegen war der Negus angezeigt worden, er räume einem Gefangenen seiner Abteilung, unstatthafte Freiheiten ein. Der Angeber war glücklicherweise nicht über die wahren Hintergründe der Anwesenheit Sennewalds in der Bücherei unterrichtet. Eines Tages kam der Negus zu mir:
, Neise, der Lump, hat mich verzinkt. Is er mal hierjewesen wejen Sennewald?"
Ich verneinte.
-
, Na ja, dazu hat er'n Arsch nich. Alles bloß hintenrum! Wenn Witte mal nachfragen sollte du weißt Bescheid. Aber das muß ich sagen, der Sennewald is'n fixer Kerl. Er versteht so gut, daß du staunst!"
,, Er hat sich eben Mühe gegeben."
,, Na, du hast dir wohl auch Mühe jegeben." Er griff in seine Rocktasche und brachte ein halbes Päckchen Machorka heraus, das er aus den abgezweigten Beständen des Hausvaters geklaut hatte. ,, Da hast du auch was dafür. Aber die Schnauze halten! Vastehste?"
,, Die Kinder können ja nichts dafür, daß durch sie die Welt übervölkert wird, aber sie büßen es nun doch mit ihrem Blute", pflegte Podey zu sagen, mit dem ich früh vor dem Einschluß in die Arbeitszellen des öfteren ein paar Worte wechseln konnte. Er war Schüler der Lenin- Akademie in Moskau und als solcher natürlich ein klar gerichteter Marxist. Aber der Rest von einem Malthusianer steckte doch so tief in ihm, daß auch die feuerfeste Bemalung mit den Farben eines dialektischen Materialismus ihn nicht ganz hatte verdecken können. Podey hatte in Prag ein bedeutendes Schnei deratelier geführt und zugleich einen Großhandel mit englischen Anzugstoffen. Dies letztere war ihm zum Verhängnis geworden. Eines Tages hatte man ihn verhaftet unter der Anklage des versuchten Hochverrats', und in seinen Betrieb einen SS.- Gruppenführer als sogenannten Treuhänder ein
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