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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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verläßt die Anstalt wahrscheinlich demnächst. Sie werden dann an seine Stelle rücken", fügte er hinzu. ,, Wenn Sie zu Ihrer Arbeit Material brauchen, so wenden Sie sich an Haupt­wachtmeister Müller."

Ich war entlassen. Ueber die indirekte Beschwerde gegen den Aufseher Rauchfuß war kein Wort gefallen. Wie hätte es ein kleiner Regierungsrat auch wagen dürfen, eine Beschwerde gegen den Ortsgruppenführer der Partei anzunehmen! Schon daß diese kurze Unterredung ohne nachdrückliche Verwar nung für mich ablief, muß man diesem gedrückten Subalter­nen hoch anrechnen!...

In der neuen Zelle wurde ich von Willi Pohle und Otto Schumburg empfangen.

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Willi war der Hauptschreiber der Anstalt, ein Mann von beinahe unbegrenzten Vollmachten, da der Hauptwachts meister Rackebrand sich in jeder Hinsicht auf seine Entschei dungen in bezug auf den Arbeitseinsatz der Gefangenen ver ließ auf ihn verlassen mußte, da er selber gar nicht in der Lage war, sich in diesem komplizierten Aufbau der Verteilung geeigneter Arbeiter auf die etwa dreißig Betriebe zurechtzu­finden, an die unser moderner Sklavenverleihbetrieb Hände lieferte. Damit wären für Willi allerhand materielle Vorteile zu realisieren gewesen. Aber Willi machte von diesen Möglich­keiten keinen Gebrauch. Er war ein schlechthin musterhafter Beamter! Acht Jahre saß er nun schon in diesem Hause, und alle Weisheit, die ein Mensch in dieser langen Zeit erwerben kann, war ihm geworden. Er war wegen Mordes zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden; hatte seine Frau in einem Anfall von Eifersucht erschossen. Nun wartete er auf seine Begnadigung.

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,, Du bist verhungert, Hans", sagte er freundlich zu mir. , Das muß zuerst abgestellt werden. Du wirst mittags einen Doppelschlag kriegen, und was ich sonst in der Küche für dich tun kann, soll geschehen." Er hielt dieses Versprechen, und solange ich in dieser Zelle wohnte, gelang es mir, mein Gewicht ein wenig aufzubessern.

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Auch Otto Schumburg wartete auf seine Entlassung. Zwei­einhalb Jahre war er hier ,, weil ich zu gute Wurst ge­macht habe! Aber mein Anwalt hat jetzt ganz energische Schritte unternommen, und auch andere Leute ich war

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