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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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im Vorstand der Schützengesellschaft, und du kannst dir den­ken, daß ich da allerhand Beziehungen habe aber der Staatsanwalt ist ein ganz böser Hund. Weil mir meine Kun­den nach meiner Verurteilung zum Geschäftsjubiläum das Haus voll Blumen geschickt haben ja, das hat ihn ge­kränkt. Aber im Mai oder Juni bin ich bestimmt zu Hause." Und nun kam eine lange Geschichte, die zu erzählen sich nicht lohnt...

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Im übrigen war Schumburg ein Mann mit patriotischen Grundsätzen und militärischen Fähigkeiten. Eben das, was man in Deutschland ein, staatserhaltendes Element' zu nennen beliebte. Er war im Weltkriege Wachtmeister bei einer Muni­tionskolonne gewesen, hatte jederzeit deutschnational gewählt und verstand sich darüber hinaus als aktives Mitglied der Magdeburger Schützengesellschaft auf Taktik und Strategie. Abends nach Zellenschluß machte er Willi Pohle klar, war­um an einem Endsiege Hitlers nicht gezweifelt werden könne. Solche Unterhaltungen waren ja nun eigentlich zumeist Mo­nologe. Die Dürftigkeit der Argumente ermüdet und lähmt schließlich den Geist der Kritik. Der Schwätzer deutet das Schweigen seines Zuhörers als Kapitulation vor seiner Beweis­führung und verläßt den Schauplatz seiner Redeübung in Sie­gerhaltung. So geht das nicht nur in Kommissionen und Kon­ferenzen, sondern auch im Zuchthause. Nicht umsonst hat man das schöne Wort geprägt: Der Kerl ist so dumm wie eine ganze Kommission!' Schumburg ging im Geiste der Zeit noch ein wenig weiter. Er pflegte jede der seinen ent­gegenstehende Meinung als Verrat', Sabotage', manchmal auch, schlicht und vieldeutig, als, Reaktion' zu bezeichnen, und mit solchen Menschen sollte man sich grundsätzlich nicht unterhalten. Das tat denn Willy Pohle auch nicht. Er saß nun schon so viele Jahre in diesem Hause und hatte so viel Leid, bittere Erfahrung und Menschenverachtung in sich hineingefressen, daß ihm eine Kriegslage nicht mehr wert schien als dem englischen Foreign Office ein Versprechen Rib­bentrops. Daß dieser Krieg mit einer vollkommenen Nieder­lage Hitlers enden würde, war ihm klar gewesen, als er eben begonnen hatte, und daher glich die Unterhaltung der beiden über militärische Dinge bedenklich einer Unterhaltung zwi schen zwei Tauben, die einander im Gewühl des Potsdamer

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