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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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derer Herzlosigkeit und Grilligkeit und keinerlei Nach­richten aus der Welt da draußen, in der sich das Schicksal eines Volkes zu vollenden begann...

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Ein besonders bösartiges Aufsehertier war ein gewisser Ober­wachtmeister Killig, genannt, der Kugelblitz', ein Bursche, der sich in jedem Falle durch die Anwesenheit eines anständigen Menschen in seiner Umgebung zu den wüstesten Ausbrüchen seines gänzlich verderbten Temperaments hingerissen fühlte. Er war welch eine Ironie der Verwaltung! Lazarett vorsteher und betreute seine Kranken mit Beschimpfung und roher Behandlung. Ich fiel gleich am ersten Tage mit meiner Mittelohreiterung in seine Hände, die im Abheilen war. Einen Arzt sollte es ja hier auch geben, aber er ließ sich in der Anstalt nur selten sehen. In seiner Vertretung behandelte ein Gefangener die Kranken, ein junger tschechischer Arzt, der die deutsche Sprache leidlich beherrschte. Die Kranken waren bei ihm gut aufgehoben, und er verstand es sogar manchmal, die besonderen Bösartigkeiten des, Kugelblitzes zum Guten zu wenden.

In meiner Zelle zu schlafen, war unmöglich. Ich erlegte in zwei Tagen rund 300 Wanzen. Nachts setzte ich mich ange­kleidet auf den Schemel und schlug eine Decke um Kopf und Schultern, die nur die Nase zum Atmen freiließ. So verdöste ich die Nacht. Am Morgen war die Nasen- und Augenpartie meines Gesichts von Wanzenbissen verschwollen.

In all' dieser Pein und Trübsal wurde mir ganz unerwartet ein Trost. Am dritten Tage tat sich die Tür meiner Zelle auf, und herein trat ein alter Herr in der Uniform der Aufseher mit einem gütigen Gesicht. Er betrachtete mich, wie es mir scheinen wollte, ein wenig ergriffen, und sagte dann: ,, Kennen Sie mich noch?"

Ich verneinte.

,, Aber Rohden Elsen kennen Sie noch! Ich bin Vater Rohde."

Mir war zumute, als ob ein Sonnenstrahl in das Grau dieses schauderhaften Daseins gefallen sei. Aber natürlich erkannte ich nun Vater Rohde wieder. Unsere Mädel hatten die gleiche Klasse des Waldheimer Gymnasiums besucht und waren immer aufs engste befreundet gewesen. Vater Rohde hatte schon im Ruhestande gelebt, eben bei Else, seiner in Dresden verheirate

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