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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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geworden. Ich sprach diesen Gedanken nicht aus, aber der Jude schien ihn mir von der Stirn abzulesen. Er sagte: Ich weiß ich weiß, was der Osten für uns bedeutet. Aber wir stehen alle in Gottes Hand! Ich bin Arzt. Vielleicht kann ich doch noch dem oder jenem meiner leidenden Brüder in körperlicher oder seelischer Bedrängnis eine Stütze sein. Der Herr stellt uns immer an den Platz, an dem wir gebraucht werden."

Mein Name wurde als einer der ersten aufgerufen. Ganz gegen meine Erwartung war ich der einzige Gefangene, der im Dresdner Mathildengefängnis abzuliefern war. Der Empfang war abermals betont lieblos. Der Beamte, der im Aufnahme­zimmer Dienst tat, schnauzte mich mit Windstärke zwölf an: Was ham' denn Sie ausgefressen?" ,, Nichts!" antwortete ich ruhig.

Das Gesicht des Uniformierten rötete sich in aufsteigen­dem Zorn. Er empfand diese Antwort offenbar als betonte Frechheit.

,, So siehste grade aus, du Lump!" knurrte er in sich hinein. Aber dann wurde er doch ganz menschlich. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten erkundigte er sich sogar darnach, ob ich heute ein Mittagessen erhalten habe, und als ich übrigens der Wahrheit zuwider verneinte, brachte er mir eine Schüssel Sauerkrautsuppe, die mich nicht unerheblich aufrichtete...

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Das Mathildengefängnis war eines der ältesten seiner Gat­tung. Schon abbruchreif hatte man unter dem gewaltigen Druck der Nachfrage nach Kerkerräumen das alte Gemäuer wieder in Dienst gestellt, und die Wanzenlegionen in seinem Gebälk hatten diesen Beschluß der Justizbehörde gesegnet. Sie waren auf dem Posten und lebten herrlich und in Freuden von dem Blute der vielen armen Sünder wider den Geist der Zeit, die hier ihrer Verurteilung entgegenharrten.

Die ersten Tage in Dresden waren trostlos. Eine schmutzige, nie zu lüftende Einzelzelle, an deren Wänden die schwarzen Hülsen zerquetschter Wanzen das belebende Muster bildeten, der Gestank eines selten und stets ungenügend gespülten Aborts, der Staub grobgeschnittenen Papieres, aus dem Falt schachteln in geisttötender Handarbeit zusammengesteckt wur­den, eine mehr als dürftige Ernährung, Aufseher von beson­

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