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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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hovenknastes wurde. Ich lernte in meiner neuen Stellung mancherlei auch literarisch!

Der Oberlehrer, verstaubt wie das Museumsgerippe eines Di­nosauriers, gab literarische Anweisungen für die Auswahl der Lesestoffe seiner ihm selbst völlig unbekannten und ewig unsichtbaren Lesergemeinde. So etwa:

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,, Mein Gott ! Was haben Sie diesem Mädchen da wieder ge­geben! Den, Rosendoktor' von Ludwig Finkh! Das ist Fein­kost, verehrter Herr!"( Der verehrte Herr war ich; er liebte es, seinen Bildungsabstand jedem Akademiker gegenüber saty­risch zu betonen.) ,, Ganz einfache Stoffe für diese krimi­nellen Weiber! Jeremias Gotthelf , Stifter, Conrad Ferdinand Meyer ! Kleine, kurze Geschichten. Ja nicht zu lang. Sie ver­lieren ja das Interesse am Weiterlesen. Um Gottes willen keine so modernen Autoren wie Jelusich, Grimm, Zerkaulen, oder gar, Der Glaube an Deutschland' wie heißt er doch gleich Zöberlein!" Er wählte mit kundiger Hand ja, richtig für eine Hausgehilfin, zweimal sitzengeblieben in der Volks­schule, Schwachstromtyp laut Personalkarte, den Schillerroman Walter von Molos. Ich kannte dieses Buch nicht und las wahllos ein paar Seiten aus der Mitte heraus. Mein Gott! so mußte ich in einem Anfall von Sarkasmus denken, der Fein­kost- Finkh und der Dienstmädchen- Molo! Aber ich suchte nun doch in meinem Zettelkasten nach einfachen Stoffen. Zum ersten Male kam mir dabei recht zum Bewußtsein, daß es in der Literatur eigentlich gar keine, Grenzen' gibt, und daß Ur­teile wie, gut' oder, minderwertig, ja daß selbst das Urteil , Kitsch nicht eigentlich zu halten ist. Der Leser des, Wilhelm Meister blickt auf den, der für Herzog und Ganghofer schwärmt, dieser auf die Verehrerin der Literatur, die in Fort­setzungsheften ins Haus gebracht wird, ganz zu Unrecht her ab. Mein Oberlehrer hatte jedenfalls nur ein höchst unklares Gefühl für die Schwierigkeiten in der Auswahl von Büchern für Gefangene, wenn er die Schönheit und die Weisheit eines Jeremias Gotthelf in die sozusagen leichtbeschwingte Muse einrangierte. Zufällig fand ich in diesen Tagen ein köstliches Stück deutscher Weisheit, das mir zum Wegweiser in dieser Schwierigkeit wurde. Es findet sich in Wilhelm Raabes Roman , Alte Nester', und ich fühle mich nicht berechtigt, das lange Zitat des Dichters in diesem besinnlichen Buche zu unter­

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