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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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drücken. So also läßt Raabe seinen alten Doktor Friedrich Langreuter sprechen:

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,, Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die Bäume blü­hen, nicht etwa eine Brunnenkur, sondern ein Abonne ment in einer Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom Spaziergange einen Roman mit nach Hause, und zwar stets einen der vergessensten am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums. Es war mir nämlich in dieser Epoche meines Lebens meine bisherige Tätig keit sehr zum Ueberdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein über so viele leere, beschäftigungslose Stun­den bei Tage und bei Nacht zu verfügen als wie jetzt. Und merk­würdig! was in den Klassikern sämtlicher Nationen, sowohl der alten wie der neuen, stand, konnte ich durchaus nicht gebrauchen! Sie sprechen wahr, diese großen Poeten, in gebun­dener und ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und nicht in den meinen. Jeden­falls sprachen sie nicht zur Ruhe, wenn sie mich nicht lang weilten. Eine Bilderfibel aus meiner Jugend hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen... Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es in seinen Händen ertappt wurde, als das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden um die Ohren geschlagen wurde! Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und Segen denen Lieferanten, die heute in die­ser Hinsicht für jene sorgen, die nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!- Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich jung war und noch nicht wußte von aller Welt Ver­ständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der abge­schmacktesten Verzerrung bringt die alten, drolligen, pathetisch- lächerlichen Geschichten von Eduard und Kuni­gunde, in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese schlechtgedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und Uebersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränen reiche Unsinn, in den die Fliederlaube hineingerauscht und

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9 Berbig: Knast

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