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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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geduftet hatte, über den voreinst der Baum seine roten und wei­Ben Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau hinsegelten, von dem einen der Schulmeister auf­scheuchte und in die lateinische Schule trieb: das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen, durch tausend und aber tausend Hände gelaufenen Bänden nach seinem un­veränderlichen Verdienst würdigen. Da saß ich alter Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit Lederrücken und ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische Wahrheit ge­gen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde und Eduard mit all ihrer Ver­wandtschaft in auf und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmer­nis und Reue sich in den Winkel verkriechen konnte! Was hatten die Stätten meiner Kindheit, die Gärten, Wiesen, Felder und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauernsitzen, Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher gemein? Was der gelbe, ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die lustig- tragischen und trübselig­komischen Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten? Alles! Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie, auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe

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Wind in den Segeln! Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichterglanz überkleiden konnte! Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so unpolitische, so selten ausgespro chene, und doch so tief und fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene Ueberzeugung: Mein Luftschloß ist mein Haus!"... Angesichts dieser tie­

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