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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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weil ein solches Zusammenwerfen von Menschen, bei denen die öffentliche Meinung keinen entehrenden Charakter an­nimmt, mit offensichtlich Ehrlosen und Verderbten ebenso hart gegen die dadurch Betroffenen, als schädlich gegen die Wirk samkeit der Strafen wegen gemeiner Verbrechen ist. Die Scheu vor der Strafe vermindert sich naturgemäß, wenn der gemeine Verbrecher sieht, wie der anständige Charakter die gleichen Leiden, ja noch größere erdulden muß als er selbst. Die zweite Frage ist nur bedingt zu bejahen. Wenn es gleich wahr ist, daß beim politischen Verbrecher auf die Wirkung der Ein­zelhaft als Mittel der Besserung, zur Aenderung der politi­schen Gesinnung also, nicht gerechnet werden kann, so er scheint doch die Absonderung des Politischen ' aus mehreren Gründen zweckmäßig und ratsam. Selbst die Gemeinschaft unter ihnen selbst muß notwendig einer gewissen Beobachtung und Kontrolle unterliegen, da nichts ansteckender wirkt als Ideen, und eine Festigung der einmal gefaßten Meinung in der Gesellschaft Gleichgesinnter die Regel ist. Ach, was sich damals gescheite Menschen noch für Gedanken machten über , politische Vergehen! Daß einmal eine Zeit anbrechen würde in Deutschland , in der es andere als, politische Vergehen und Verbrechen kaum noch geben würde, das freilich konnte das mals noch niemand ahnen! Heute war sogar die sexuelle Anomalie zum politischen Verbrechen geworden. Nachdem Hitler seinen Freund Röhm gerichtet hatte, dessen abseitige Veranlagung er durch Jahre hindurch schweigend geduldet hatte, mußten deutsche Richter durch betont harte Urteile dafür sorgen, daß das Volk über die, wahre Meinung seines Diktators nicht im unklaren sein konnte! Der kleine Felddieb wurde unter dem Schutze der Verdunkelung' zum Volks­schädling', und unter dem Protektorat der berüchtigten, Nürn berger Gesetze' wurde sogar das Schicksal der Geburt zum po litischen Verbrechen. Die Grenzen zwischen, politisch' und , kriminell' verwischten sich auf der ganzen Linie. So war es denn ganz selbstverständlich, daß mein neuer Freund Schmeh­ling, der das Pech gehabt hatte, auf Rabenvater Sieg statt Platz zu wetten, sich mir dienstlich durchaus überlegen fühlte, und das mit allem Rechte: er wickelte den Oberlehrer mit plumper Schmeichelei und gutgespielter Beflissenheit derart ein, daß er eben oberste Instanz in allen Bildungsfragen des Beet­

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