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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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er ist dort ja auch einer der besten Handwerker gewesen und hat alle nur denkbaren Vorzüge und Freiheiten genossen. Das ist freilich in der sogenannten Systemzeit gewesen. ,, Da­mals war der Strafvollzug noch menschlich", bemerkt er ab­schließend ,,, heut' is es dort dieselbe Schweinerei wie hier. Habt ihr genug zu essen?"

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Wer ist Kroll eigentlich? Ein Schreinermeister, der seit Jahren nicht mehr in seinem Berufe gearbeitet hat. Er ist viel gereist; er kennt die Preise an der Schwarzen Börse für Boh­nenkaffee, Anzugstoffe, Speck, Spielsachen, Pelze und alle übrige Mangelware genau; hat einer bayrischen Kellnerin einen Pelzmantel versprochen, achthundert Mark Anzahlung genommen und nichts mehr von sich hören lassen ist in einem Leipziger Hotel verhaftet worden auf Grund einer No­tiz im Fahndungsblatt.

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,, Ein Rindsviach bin i gewesen", sagt er zerknirscht ,,, daß i im Hotel über Nacht blieben bin! Glei hams mi geschnappt. Wegen so a Lappali! Wenn's von dene andern Sachen Wind kriegn

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Er hat Sorgen!

Nach und nach ging Kroll aus sich heraus. Der Drang, zu reden, überwältigte ihn einfach. Er erzählte alle seine Ham­sterfahrten, nannte Hehler, Zwischenkäufer, Stapelplätze mein Gott, wo überall hatte er Ware liegen! und Große abnehmer. Luxemburg war das gelobte Land, in dem er ein­kaufte...

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Gleich am ersten Tage nach seiner Vernehmung meldete er sich zur Außenarbeit. Schreiner wurden in Rüstungsbetrieben notwendig gebraucht, und der Amtsgerichtsrat, der seinen Fall bearbeitete Kroll wurde vom Amtsgericht Rosenheim gesucht und mußte dorthin zur Aburteilung überführt werden gab sofort die Genehmigung dazu. Das war in den Tagen nach Stalingrad , in denen alle Arbeitskräfte aufgerufen wur den zur Verteidigung des Reiches'. Aber im Untersuchungs­gefängnis bekundete man keine besondere Eile, diesem Aufrufe zu entsprechen. Hier saßen massenhaft noch junge Menschen, die Tüten klebten oder ganz untätig waren. Also hatte man es auch gar nicht eilig, Kroll in Außenarbeit zu bringen.

Aber Kroll selbst hatte es eilig! Sehr eilig sogar! Er wollte aus diesem Hause heraus, koste es, was es wolle! Am fünften

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