Bordell
Tage seiner Haft verkündete er feierlich: ,, Dann muß i eben von hier aus abgehn! Herrgottsakra Bordell!" ( Das war seine Lieblingswendung, um Gefühlshöhepunkte zu markieren.) ,, I meld mich zur Rechtshilfe und geh dem Deppen da drüben durch die Lappen. Treppe runter un nix wie raus!"
,, Und was wollen Sie in Leipzig ohne Geld und ohne Lebensmittelmarken anfangen?"( Zwischen Schneider und mir war es beim, Sie' verblieben, und so hatte sich auch Kroll diesem Sprachgebrauche gefügt.)
Kroll lachte hell auf.
„ Geld!" sagte er verächtlich,„ Geld! In a halber Stund tausend Mark! Und bis zu meiner Braut komm i allemal ohne Ausweis. Dort hab' i Papiere; Picopinco! sag i Ihnen, Herr Doktor! Nachher kann i jederzeit im D- Zug nach Luxem burg fahren, und da wohn i im selben Hause wie die Gestapo . Alle kennen's mich da. Keiner fragt nach meine Papiere. Essen tu i bei meinen Freunden. Die brauchen a ka Karten. Dort gibts noch alles ohne Papierkram!"
Die Tür tat sich auf.
,, Kroll vor Gericht!" sagte Dünnefett miẞvergnügt.
Kroll klemmte seine Mütze unter die Jacke und trollte ab. Nach einer kleinen Stunde trudelte er wieder in der Zelle ein. ,, Nanu?" fragte ich neugierig.„ Es hat also nicht geklappt?"
Kroll setzte sich niedergeschlagen auf einen Schemel.
,, I hab mir's glei dacht. An einem Freitag soll man sowas nicht vornehmen. Der Depp, der mich rüberbrachte, war richtig. I wollt ihm eben was vorn Latz geben un abgehen, da sah i auf der Treppen vier Schupos stehen. A Glück wars noch, daß i sie rechtzeitig wegkriegte. Warteten auf ihre Vernehmung. In der Halle unten stand noch a rundes Dutzend von dene Kerlen. So a Pech! Sonst is das Haus um die Zeit ganz leer..."
Im Untersuchungsgefängnis hatte man offenbar überreichlich von dem, was Kroll fehlte: Zeit! Wiederum rührte sich drei Tage lang keine Hand, ihn zum Arbeitseinsatz zu bringen.
,, Die Sach' muß gar werden!" sagte Kroll plötzlich aus tiefem Sinnen heraus. ,, Aus dem Krankenhaus geh i mit Leichtigkeit abi!"
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