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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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einen Verrückten: Wer sind Sie denn eigentlich' Der ant­wortet:, Der Kaiser von China!' Worauf Göring fragt: Wissen Sie auch, wer ich bin?', Nein, sagt der Verrückte., Ich bin der Reichsmarschall Göring !' Da lacht der Verrückte laut auf und sagt:, Ganz genau so hat's bei mir auch ange­fangen!""

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,, Aber", sagte ich betroffen ,,, ich habe wunder was Schlim­mes gedacht!"

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,, Ja das wäre auch so schlimm nicht gewesen. Aber Göring hat Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Da wird nämlich angefragt. Und da ging es eben wohl nich anders als mit einem halben Jahre. Der Anwalt meint, ich wäre gut weg­gekommen."

Ballrott hatte Glück. Bereits um vier Uhr wurde er wieder aus der Zelle geholt und ins Büro des Untersuchungsgefäng­nisses als Schreiber eingestellt. Man brauchte offenbar ge­rade einen.

,, Da dürfen Sie rauchen, und zu essen haben Sie auch genug", sagte der Hauptwachtmeister, der ihn abholte. Ballrott begriff noch gar nicht, welch großes Glück ihm da zuteil wurde. Fahrig suchte er seine Habseligkeiten zusammen und verließ die Zelle mit flüchtig gemurmeltem Abschied.

Rio mio- dio- cadivo!

Am nächsten Tage kam ein neuer Dritter: Max Kroll. Mit dem Eintritt dieses Mannes war unser friedliches Idyll zu Ende, und eine Reihe aufregender Begebenheiten griff Platz.

Kroll ist ein Sachse aus Freiberg , der als Schreinerlehrling nach Bayern gekommen ist, wo es am bayrischsten ist: nach Miesbach . Sein Dialekt ist eine glückliche Mischung aus erz gebirgisch, oberbayrisch und französisch, denn er hat fünf Jahre als Schreinergesell in Luxemburg gelebt, in einem Kreise mit vorwiegend französischer Umgangssprache. Auch ein paar italienische Brocken fließen gelegentlich mit unter, die er in Mailand aufgeschnappt hat. Kroll ist lang und hager, hält sich aber so krumm, daß er beinahe den Eindruck eines Ver wachsenen macht.

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