Ein Brief und das Zeitgeschehen.
In diesen Tagen schrieb ich des öfteren Briefe an meine Frau. Einige dieser Briefe hat der Zufall erhalten. So etwa schrieb ich:
Liebe Lotte,
ich fand in einem Buche, das du liebst, ein schönes Wort. Du wirst natürlich bald heraushaben, wo diese Sätze stehen, aber vielleicht macht es dir Freude, ein wenig zu suchen. Sie lauten: ,, Ihr werdet selber einmal sehen, um wieviel mil der und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze färbt; so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt, als die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen schimmernden Braut."
Es ergeht uns wohl beiden so, daß solche Einsichten wach sen; mir ganz besonders in dieser erzwungenen Einsamkeit. Was wir im Brausen des Lebens überhört haben, das dringt jetzt in unser Ohr; was nie uns zufallen wollte, das fällt uns jetzt mühelos ein.
Recht betrachtet: ich empfinde dieses Gefangensein als unwirklich. Gemessen an den ethischen Wertungen meiner Jugend und meines Mannesalters liegt vieles von dem, was ich! erlebe, ganz außerhalb einer sittlichen Wertbetrachtung. Wir Alten empfinden: Obwohl wir leiden, betrifft uns dies alles im Grunde gar nicht. Gewiß: der Hunger, die unmenschliche Korrektheit, die zweifelhafte Gesellschaft, die Hohlheit der Umgebung sind Wirklichkeiten von unbezweifelbarer Härte. Aber eine gleiche Gegebenheit ist die Freiheit des Geistes, die alle Bleigewichte dieses Lebens abwirft und sich in die Bläue des schaffenden Willens erhebt. Lebten die Mönche, die den Vergil retteten, in ihrer selbstgewählten Einsamkeit eigentlich wesentlich anders? Vielleicht hatten sie nicht so viel Hunger. Ihre Oberen waren keine Wachtmeister, und geistliche Exerzitien dienten der Stärkung ihres Geistes, nicht der Zertrümmerung ihres Rückgrates, der Demut, nicht der Demütigung.
84


