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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Falle gegangen ist! Und rings um uns lebt, atmet und wirkt eine Welt, die allem dem verständnislos gegenübersteht, die sich in ihrer Beschaulichkeit, Ruhe und Sicherheit bedroht fühlt und die zuletzt keine andere Sprache mehr zu sprechen weiß als die der Kanonen und Lufttorpedos.

Oder sehe ich dies alles vielleicht doch verkehrt? Bin ich etwa selber einer jener Unbelehrbaren? Ich weiß aus bitterer Erfahrung, daß nirgends so viel handfeste Dummheit zu finden ist wie in den Köpfen jener Schicht, die sich für gebildet hält. Ich weiß, daß Bildung nicht gescheit macht, nicht ein­mal immer wissend, und daß der Ungebildete ein sehr viel klareres Urteil über die Geschehnisse dieser Zeit haben kann... Bin ich auch einer von denen, die nicht alle werden? Ich gestehe: in diesen Tagen fühlte ich den Grund wanken, auf dem ich bisher gestanden hatte. Nur wenige Tage waren es, aber es waren die schlimmsten meiner Leidenszeit

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Mein Anwalt war nicht müßig gewesen; er hatte allerhand Material zusammengetragen, hatte darauf hingewiesen, daß der: Ankläger und Zeuge laut seinem eigenen Bekenntnis versucht hatte, mich zu belastenden Aeußerungen zu veranlassen. Das gesamte Material lag dem Staatsanwalt vor. Man würde ja sehen, wie er sich dazu stellte. Vorläufig waren die Akten beim Divisionsgericht zu Gleiwitz zur eidlichen Vernehmung

des Anzeigeerstatters.

Zur eidlichen Vernehmung!

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Da lag der Stein, über den das Gericht nicht würde sprin gen können. In einer Verhandlung kann man schließlich dar auf verzichten, einen Belastungszeugen zu vereidigen, dann nämlich, wenn man der Wahrheit seiner Worte mißtraut. Hier aber wurde erst vereidigt, und nachher ausgesagt. Die Aussage lag ja, zweimal mit dem Namen unterzeichnet, bereits vor. Also war das Urteil fertig, ehe verhandelt wurde. Der Richter hatte nur noch das Strafmaß in der Hand.

So wanderten damals meine Gedanken im Kreise, ohne je eigentlich den Kern der Sache zu berühren: die strenge, ge wissensmäßige Auseinandersetzung mit der Zeit. Noch fand ich dazu nicht die Kraft. Später im Zuchthause

ich sie gefunden!

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