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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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oder auch nur, sich ihm zu entziehen, war rechtmäßig im tieferen Sinne des Wortes.

Mein Gott rechtmäßig! Welch eine Zwiebelschnur von Mißverständnissen am laufenden Bande wie Freund Gil­

bricht im Scherz zu sagen pflegte: immer wieder im Hinblick auf meinen Fall nämlich! Ein Mann, Ankläger und Zeuge in einer Person, schwört einen Eid. Jedes Mittel, den vermeint­lichen Feind des Vaterlandes zu vernichten, ist ihm recht. Er ist erfüllt von jenem unbändigen Fanatismus, der von den Männern der Bewegung so hoch gepriesen, von Göring als höchste Tugend gerühmt wird. Vielleicht hat er auch ein an­deres Motiv. Wer will das wissen? Und das Recht traut seinem Eide ; nimmt für erwiesen, was unter ihm ausgesagt wird... Nun ja, die Richter werden sich damit entschuldigen, daß sie an das Gesetz gebunden seien. Gewiß: jeder Staat, insonderheit jede Demokratie lebt von der Achtung vor dem Gesetz, und Willkür ist ein Herrschaftsprinzip der Tyrannei. Gesetz aber ist nach unbestrittener juristischer Lehre nicht nur der ge­schriebene, in diesem Falle wie ein Gummiband dehnbare Heimtückeparagraph, sondern auch jener ungeschriebene Grund­satz allen Strafrechts, daß eine strafbare Handlung dann nicht gegeben ist, wenn kein Rechtsgut vorhanden ist, das durch die Straftat verletzt worden ist. Das Rechtsgut, um das es hier geht, ist der Wille Hitlers zur Sicherung des Zwanges, durch den das deutsche Volk in den Krieg gepreßt wurde! Kein Richter dürfte diesen Willen als strafbegründendes Rechts­gut anerkennen. Was steht hinter diesem Rechtsgute? Ein gan­zes Bündel von Ideologien: Die geballten politischen An­schauungen von Rasse und Ehre, von Blut und Boden; der Glaube an ein Ausleseprinzip auf der Basis des männlichen Geistes; das Schlagwort von den ,, jungen und alten Völkern"; das unbedingte Vertrauen in die Kraft der Erziehung sogar das! und das Sichhineinbohren in Worte, denen ein politischer Sinn untergelegt wird: die ,, Anständigen" und die ,, Unanständigen", die ,, Belehrbaren" und die ,, Unbe lehrbaren", die Wertvollen" und der, Abfall"; die Hoffnung, daß man die ökonomische Wirklichkeit für alle Zeiten über­fahren könne, weil man sieht, wie glatt dies in dem oder jenem

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