„Aber er wird schwören!“ sagte ich bedrückt.„Ich weiß, was das heißt. Man wird mich verurteilen.“
Der Direktor schwieg einen Augenblick. Dann:
„Ich weiß nicht, ob man dem Eide eines solchen Subjektes das ganze ehrenwerte Leben eines Beamten zum Fraße vom werfen wird. Uebrigens— waren Sie nicht früher einmal in Waldheim angestellt?“
„Ja. 1911 wurde ich dort Direktor der Handels und Ge werbeschule.“
Er nickte.
„Dann kennen wir uns ja. Ich war bis dreizehn Inspektor an der dortigen Strafanstalt. Wohnten Sie nicht in der Schiller» straße?“
Richtig— ich entsann mich plötzlich des hochgewachsenen jungen Inspektors. Aber sein Name war mir entfallen.
„Dietze“, sagte er lächelnd mit einer leichten Neigung des Kopfes.
Nun besann ich mich auf vieles. Wir waren einmal zu» sammen eingeladen gewesen, und er war in dieser guten alten Zeit, in der man seine Mitmenschen noch zu einem nahrhaften Abendbrot einzuladen pflegte, der Tischnachbar meiner Frau gewesen. Der alte Herr hatte ein gutes Gedächtnis. Er erine nerte sich sogar noch unseres Gespräches von damals, das sich, _—_ welch närrische Beziehungen das Leben sich doch manchmal herzustellen liebt— um den Strafvollzug an politischen Ger fangenen gedreht hatte... Die Frage war damals gerade aktuell gewesen durch die Einlieferung eines Grenzfalles, in dem der Charakter des politischen Vergehens nicht einwand- frei feststand.
„Und Ihre Frau— lebt sie noch?“
„Ja— und sie wird sich ihres damaligen Tischherrn gewiß noch erinnern.“
„Grüßen Sie sie nur recht herzlich von mir, und sie soll sich nicht zu viel Sorgen machen. Sagen Sie ihr das ausdrück- lich. Wir leben in einer verrückten Zeit. Aber wir sind beide! noch nicht zu alt, um nicht hoffen zu dürfen, daß über uns serm Lebensabend nicht doch noch einmal die Sonne scheint. Wenn ich Ihnen eine kleine Erleichterung Ihres Loses ver? schaffen kann—— ich bin ja hier sozusagen der Herr im Hause——“
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