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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Draußen schlug eine Uhr. Ich vergaß, ihre Schläge zu zäh­len, zu lebhaft noch beschäftigt mit den Ereignissen der letzten Stunden. Eigentlich war das alles so unwirklich, so im Grunde unglaubwürdig! Ein Mensch, den ich nicht kenne, versucht, aus mir eine Aeußerung herauszulocken, die unter den ob­waltenden Verhältnissen vom Gesetz als strafbar hingestellt wird rein formal, ohne Prüfung der Hintergründe. Dieses Gesetz führt den Namen Heimtückegesetz und ist seinem Wort­laut nach nur wenigen Menschen bekannt. Auch ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur: Millionen Worte, die mit diesem Ge­setz kollidieren, werden täglich von Milllionen Menschen ge­sprochen. Ein paar hundert dieser Worte werden täglich irgendwo aufgefangen und vor den Richter gebracht. Der miẞt ihre Schwere und Tragkraft an diesem närrischen Gesetz und findet das Strafmaß. Es schwankt zwischen einer kurzen Freiheitsstrafe und dem Todesurteil. Er ist in der Lage, alle Folgerungen aus der Dehnbarkeit dieses Gesetzes zu ziehen. Soweit geht die Sache in Ordnung Aber ja, zum Teu­fel noch einmal hat denn dieser Soldat nicht selber Worte gesprochen, die mit diesem Heimtückegesetz leicht in Kon­flikt geraten können? Wenn ich mich am Abend dieses ver­hängnisvollen 25. November hingesetzt und etwa so an die Polizei geschrieben hätte: Der Unteroffizier Fink hat mir gegenüber Worte gebraucht, die geeignet sind, das Ansehen der Staatsgewalt zu mindern, die Widerstandskraft des deut­schen Volkes in seinem Ringen um Selbstbehauptung zu erschüttern. Unter anderem hat er geäußert, Hitler solle ja nicht wagen, den katholischen Glauben anzutasten, dann wehe ihm! Diese Drohung im Munde eines Hitlerjugendfüh­rers muß als besonders treulos und gehässig empfunden wer den angesichts des Kampfes, den der Staat gegen den seeli­schen Führungsanspruch der Orden und Bischöfe führt. Ich beantrage seine Vernehmung! wenn ich das getan hätte, dann wäre heute dieser Fink verhört worden, und ich wäre als Zeuge aufgetreten und könnte die Wahrheit dieser Anzeige mit gutem Gewissen beschwören. Ein sonderbares neues Gesellschaftsspiel: Wer zuerst denunziert, kriegt den Eid!

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Ja

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Draußen schlurften Schritte über den eisernen Gang. Schlüs sel klirrten leise. Die Tür tat sich fast geräuschlos auf.

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