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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Anwalt zu bestellen. Dann fuhr ich mit Lange zurück ins Po» lizeigefängnis. Es war fast halb acht Uhr geworden. Wohin war nur die Zeit verflogen.

Stets und Richter sprangen von ihrem Lager auf, als ich zur Tür hereingeschoben wurde.

Fünf Stäbchen gefällig! sagte Richter.

Geht in Ordnung! antwortete der Schneider.

Wieso? fragte ich. Wir haben um fünf Stäbchen gewettet, ich, daß du wieder» kommst, Stets, daß du nicht wiederkommst. Um sieben hatte ich das Rennen schon beinahe aufgegeben. Aber Berger sagte: won der Gestapo aus kommt keiner frei. Er hat natürlich

recht behalten. Nun, was wird?

Ich komme morgen ins Untersuchungsgefängnis.

‚Die beiden staunten.

Mensch so ein Schwein! Wie ist sowas bloß menschen» möglich? Hast du Protektion?

Ich mußte lächeln.

Wenn man so sagen darf. Ich kenne da drüben ganz flüch- tig einen hohen Herrn. Vielleicht hängts damit zusammen.

Mensch die Moltkestraße is ja das reine Paradies gegen diesen Saustall hier. Du sollst bloß mal die Polizeier unten erzählen hören. Da sind Russen unten. Die armen Schweine kommen schon halb verhungert rein. Hier werden sie fertig gemacht. Das kannst du glauben.

Und weshalb sind sie hier?

Die meisten, weil sie ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Sie kommen aus Ostpreußen oder sonstwoher vom Lande, wo sie fürs Essen gearbeitet haben, und sie werden, an eine Maschine gestellt mit fünf Gramm Fett die Woche, zwei Scheiben Brot früh und mittags, abends um sechs eine Kartoffelsuppe mit Pferdefleisch oder mageren Freibank- rippchen, durch den Wolf gedreht. Damit kannst du auf die Dauer nicht bestehen. Sie laufen einfach fort.

Ihr meint also, drüben geht mirs besser?

Jahrelang hältst du es dort aus!

Das Licht wurde plötzlich weggenommen. Wir hatten Mühe, ein Nachtlager für mich auf dem Fußboden zurechtzuschie- ben...

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