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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Warum mochte man mich verhaftet haben? Hatte ich mich vielleicht über eine Regierungsmaßnahme abfällig geäußert? Ich konnte mich auf etwas Derartiges nicht besinnen. Eigentlich war es doch ein stillschweigendes Uebereinkommen unter den Gebildeten des Landes geworden, jede Stellungnahme zum Zeit­geschehen zu vermeiden. Das Schicksal Deutschlands ging sei­nen Weg, unbeeinflußt durch Worte und Wünsche, von wel cher Seite sie auch ausgesprochen werden mochten. Die Jugend kämpfte und blutete auf den Schlachtfeldern, die Alten frohn ten in den Fabriken. Was sie dachten: die in Rußlands eisigem Raume, die unter der glühenden Sonne Afrikas Kämpfenden, die in den Lazaretten Sterbenden, die bei schmaler Kost Arbei tenden, die Männer und Frauen in den Gestapogefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern, die Entbehrenden, die Schlemmenden, die im Gram um einen gefallenen Gatten oder Sohn Zerfließenden, die die Parteimacht Mißbrauchenden, die freiwillig oder ingrimmig Gehorchenden, die von Siegen und Propagandareden Begeisterten, die an der Wahrheit der Presse berichte Zweifelnden, die von einander widersprechenden Ge­fühlen hin und her Gerissenen was sie dachten, das wußte keiner vom andern weil nichts tiefer ist als das Schwei­gen, das aus Lebensangst geboren ist. Es war eine groteske Zeit! ,, Treten Sie hier herein!" hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Ich folgte dieser Aufforderung. Eine Wolke schwerer Gerüche schlug mir entgegen. In dem kleinen Raume, den ich betrat, atmeten zehn Menschen. Hinter einem Holz­gatter redeten die beiden Männer, die mich verhaftet hatten, auf ein junges Mädchen ein. Irgendetwas schien zu fehlen oder verkehrt gemacht worden zu sein. Vielleicht hatte man gar schon entdeckt, daß diese Verhaftung ein Mißgriff war? Aber nein. In diesen Tagen verhaftete man niemanden aus Versehen!

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,, Mache dein Protokoll mit dem Pfeifenkopp, und dann Heidi! Wir woll'n auch mal raus aus der Stinkbude!" erklärte das junge Mädchen eben jetzt ziemlich energisch, indem es sich an die Maschine setzte und mit zwei Fingern eine Adresse zu tippen begann. ,, Jeden Tag is' der Laden zum Brechen voll, und heute is' Sonnabend. Steckt ihn doch hinter in die Fünf zehn, da is' noch Platz. Das hat doch Zeit bis Montag!" ,, Das sowieso! Hierher!"

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