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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Badegäste über die splittrigen Laufstege zu ihren Ho­tels hinaufgestiegen waren, allein am späten Nach­mittag, wenn ein feierlich scheidendes Licht die eisernen Verzierungen an den Landungsbrücken ver­zauberte und die ferne Musik von Kurkapellen ins Erhabene wuchs. Die tragische Gemessenheit des Meeres reinigte das eigene unwägbare Leid, das sonst den Knaben erschreckte und zur Klage trieb. Er empfand undeutlich dieses Leid als untersten Träger seiner Existenz und als Brücke zugleich zu jenem all­gemeinen Leid, dessen bestimmte und ruhige Be­jahung erst ihm seinen Platz in der Welt zuwies. Im Anblick des Meeres schien ihm die noch leise, aber gewisse Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Le­bens zu werden, dergestalt, daß er seine Einsamkeit in eine Vielzahl von Einsamkeiten gestellt und in ihr bewahrt zu wissen meinte.

Deutlich zogen die Bilder der Jugend an seiner Stirn vorbei: Ritte im klirrenden Wald, die Pferde strau­cheln auf dem abschüssigen Weg- plötzliches Weinen im Schoß der Mutter, die nicht fragte und alles wußte -, Abende, an denen die Eltern fremd und schön in festlichen Kleidern den Knaben umarmten, während das Haus die Gäste erwartete. Im Musiksalon geht er am geöffneten Flügel vorbei, die Erzieherin bringt ihn in sein Zimmer, rasch versinkt er in Schlaf und er­wacht plötzlich im Dunkel: niemals erhört dringt süßeste Musik durch die Wände. Er weiß, sie spielen das Tschaikowsky- Trio und jetzt Brahms , und in un­endlicher Geborgenheit sinkt er zurück in den Traum, den noch Musik durchweht.

Und später sah er die drohende Schönheit der Städte,

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