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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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traten Stürme und Ahnungen von einst wieder mäch­tig in sein Herz ein. Über jene Höhen hinweg und durch die blauschattenden Wälder hindurch mußte man auf die breite Straße kommen, die durch die bienentönende Heide zum Meere zog. Er kannte sie besser als alles, was ,, Heute" hieß, inniger als das un­sägliche Entsetzen, das ihm in den letzten Jahren so nahe gewesen war. Am Bahndamm wuchs immer noch der Ginster, unter dem er den ,, Malte Laurids Brigge" gelesen hatte, während aus den vorbeidonnernden Zü­gen die schwarzen Gesichter der Heizer grüßten.

Am Waldrand abends begegnete man Unbekannten, die freundlich blickend stehenblieben und nach Neuig­keiten aus der Hauptstadt fragten. Die Dörfer lagen im Rauch des Abends, aus den offenen Türen duftete das neue Brot, im Schatten der Scheunen hämmerten die Knechte die Sensen für den morgigen Tag und hinter den Gardinen lächelten scheu und verloren fremde Mädchen.

Dann kam man von den Straßen ab, ging nur noch auf Feldwegen, die immer heller und sandiger wurden, und als der Pfad einmal auf besondere Weise in den Horizont hinaufstieg, wußte man: Das Meer, obwohl es noch nicht gleich das Meer war. Aber der Wind in den Wäldern roch anders, die ersten Dünen kamen auch bald, Brackwasser tauchte auf und auf einmal mußte man stehenbleiben, lange, lange, und es war gut, daß man allein war. Aber es war überhaupt gut, allein am Meer zu sein, allein im ganz frühen Mor­gen, in dem die ersten Türme der Segelschiffe am Ho­rizont standen, die See in ungeheuer alter, verschleier­ter Schönheit ruhte, allein im Mittag, wenn die letzten

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