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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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samer Betrachtung legte er sich Rechenschaft darüber ab, daß es sich um Gefolgsmänner der Diktatur han­delte. Er erkannte deutlich einzelne Uniformstücke an den reglos Daliegenden. Wenige Augenblicke später, während hinter und neben ihm noch Schüsse krachten - denn nichts anderes war jenes Hallen und Knirschen gewesen, das er in halber Ohnmacht vernommen hatte -, fühlte er sich ergriffen, aus dem Block befreit und halb getragen, halb geschleift zwischen zwei Männern, deren Gesichter er nicht zu erkennen vermochte. Der Weg über die Sandfläche schien ihm endlos, er blickte auf die Staubwölkchen, die sich unter seinen stol­pernden und gleitenden Füßen erhoben, der Schmerz an seinem Halse brachte ihn einer Ohnmacht nahe, in seinen Schläfen klopfte schwer und träge das Blut, und zugleich horchte er auf die Stimmen, die, bald entfernter, bald näher, in befehlenden, abgerissenen, drohenden, doch immer unverständlichen Worten schrien und sprachen.

Neben sich hörte er auf einmal jemand deutlich: ,, Schnell, Herr Leutnant! Wir müssen es schaffen!" Die Stimme klang vertraut, und während er noch mit langsam erwachenden Sinnen um Erinnerung bemüht war, hatte man ihn durch ein Tor hindurchgezogen und quer über eine Straße in einen niedrigen, grauen, geschlossenen Wagen hinein, dessen Motor sogleich aufrauschte. Dann fühlte er sich weich und unwider­stehlich dahingetragen, in erneuerter Gleichgültigkeit, die sich in seinen Sinnen dunkel ausbreitete wie Ringe in einem Gewässer. Von Zeit zu Zeit erwachend, er­blickte er Landstraßen, Kiefernwälder, Bauern bei der Feldarbeit. Im gelben Nachmittagslicht sah er, daß

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