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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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zu erblicken glaubte, scharf und starr, in deren Fa­cetten das Licht sich farbig brach.

Jedesmal aber kam das Rauschen der Brandung wie­der, der Schmerz am Hals, die keuchende, berstende Atemnot, aus der schließlich die gelbroten Flammen der Vernichtung züngelten. Er wußte nicht, wie lange dies alles dauerte. Jahre konnten vergangen sein, seit­dem er in diesem Block stand. Sein irres, sterbendes Bewußtsein sehnte sich immer nur nach den wenigen Sekunden, da die Schraube sich lockerte. In einem be­stimmten Moment, als der Ring sich wieder schloß, aber das Atmen noch nicht völlig verweigerte, nahm sein schwindendes Bewußtsein eine Änderung wahr. Seine Augen waren geschlossen. Aber er spürte, daß ihm eine ungewöhnlich lange Zeit zum Atmen ge­geben war. Eine Ewigkeit verstrich, ehe er wußte, daß sich die Schraube nicht gänzlich geschlossen hatte. Er war jetzt zu erschöpft, um die Augen zu öffnen. Durch das Rauschen der Brandung glaubte er neue, nie zuvor gehörte Laute zu vernehmen, ein flaches Hallen und Knirschen, unverständlich geschriene Worte dazwi­schen. Er erschrak bis ins tiefste, als dicht neben seinem Ohr eine Stimme heulte. Es war eine menschliche Stimme, wenn sie gleichwohl unmenschlich klang, aber er konnte noch immer nicht die Bedeutung der Worte er­fassen, die jemand da schrie.

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Als er mit großer Anstrengung die Augen geöffnet hatte er fühlte eine maßlose, kaum zu überwin­dende Müdigkeit-, sah er, daß etwas in seiner Um­gebung sich geändert hatte.- Auf der Sandfläche, in deren Mitte er stand, erblickte er einige liegende menschliche Gestalten, und nach einiger Zeit aufmerk­

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