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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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von dem sich der Nebel allmählich zu heben schien. Die Dinge traten in ihren Umrissen schärfer hervor, gleichzeitig aber schien das infernalische gelbrote Licht, das auf ihnen lag, stärker zu werden und ihnen eine neue, geheimnisschwere Bedeutung zu verleihen. Er fühlte sein Bewußtsein unwiderstehlich von sich weg, an sich entlang gleiten wie Sog an den Schenkeln eines Schwimmers. Dann begann ein Schmerz an seinem Halse zu zerren, er konnte nicht mehr atmen, in sei­nen Ohren war ein unendliches Rauschen wie Bran­dung an der Küste. Er hörte sich selbst tief innen schreien vor Entsetzen, aber er fühlte nicht den Spei­chel, der ihm aus dem offenen Munde über das Kinn floẞ, noch vermochte er sein Antlitz zu sehen, das, furchtbar verfärbt, Zunge und nach oben gedrehte Augäpfel zeigte, während die Lippen stumm blieben. Die Verurteilten zuckten konvulsivisch in den Blöcken, hier und da kreischte eine Schraube, die sich lockerte, und dann kam das schluchzende Keu­chen eines der Gefolterten, der wie wahnsinnig die Luft einzog.

Yorck taumelte blind und taub zwischen Vorhölle und Hölle hin und zurück. Mit dem zurückkehrenden Atem kam manchmal das Bewußtsein wieder, er­schreckend klar, und ließ ihn die Süße dieser wenigen Sekunden fühlen, während derer die Luft ungehindert in seine Lungen zu dringen vermochte. Er spürte nicht, daß er weinte. Durch Tränen und Schweiß hindurch sah er von Zeit zu Zeit den Hof, über dem jetzt eine frühe Sonne hing. Die Sandfläche, auf die er starrte, verschob sich dann unversehens wie ein Objekt unter der Linse des Mikroskops, bis er einige Sandkörner

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