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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Minute, da er den zerdrückten Zettel mit trockenem Munde verschlungen hatte, empörte sich sein kaum fünfundzwanzigjähriges Leben, wie von einer selt­samen Speise erregt, gegen das ihm zugedachte Ge­schick. Aber vergeblich rief er in dieser Minute die vergangene Lethargie zurück.

Herkunft, Erziehung und das Erlebnis des Krieges hatten jeden dieser Männer mit dem Tode vertraut gemacht und ihnen eine von weither auf sie über­kommene Haltung aufgenötigt. Daß sie im feuchten und geradezu tückischen Licht dieses Morgens zöger­ten, erschauerten, war weniger dem Anblick des Galgens zuzuschreiben, der schrecklich genug war. Vielmehr erkannten sie alle gleichzeitig, daß die Hen­ker furchtbare Rache an ihnen zu nehmen gedachten. Maschinen deren Bedeutung sie mehr errieten als ganz begriffen, standen wartend unter dem Mordgerüst, und zwischen ihnen bewegten sich wie Marionetten Gestalten, die vor den schreckengeschlagenen Blicken der Verurteilten undeutlich wurden. Dem General­obersten H. entfuhr ein Ausruf, den einer der beglei­tenden Henkersknechte mit einem Fluch und einem Kolbenstoß beantwortete. Man trieb sie auf die Ma­schinen zu, wo man ihnen einen Ring um den Hals legte, der durch Schrauben verengert und erweitert werden konnte. Ihr Tod sollte sich vertausendfachen und tausendmal die Luft und das Leben in ihre ber­stenden Lungen zurückströmen, ehe ihre Leichname am Galgen hängen würden.

Yorck fühlte sich in den Block gestoßen, und gleich darauf schloß sich der Ring um seine Kehle. Seine Augen sahen groß und erschrocken über den Hof hin,

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