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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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der Wagen in einen schmalen Waldweg einfuhr, über Wurzeln und Steine hinschwankte und vor einem Forst- hause hielt. Wernicke und die anderen führten den Leutnant sanft ins Haus hinein, wo man ihm Kaffee und einen Imbiß bereitete. Man richtete nur wenige Worte an ihn und er war dankbar dafür. Er erhielt eine Uniform, die die Abzeichen eines höheren Ran- ges trug, sowie Papiere, die auf den Namen eines Majors B. vom...ten Artillerieregiment lauteten. In der Tasche des Waffenrocks fühlte er schwer den Kolben einer Pistole 08. Über den Tisch hinweg sah er plötzlich in einem kleinen Spiegel sein Gesicht und erschrak vor dem Abgrund in seinen Augen und dem dünnen, rätselhaften Lächeln, das seinen Mund verzog. Zutiefst gebannt ruhte sein Blick im Glas, aber in dem schien es zu arbeiten, wie Wolken zog es drüber hin, und bald verblaßte und verschwamm alles vor seinen Augen, so daß er sich abwandte.

Im Wagen breitete Wernicke eine Decke über ihrer beider Knie, und einen Augenblick lang sah Yorck auf dem Schoß des Dieners den kalten dunklen Stahl einer Maschinenpistole. Sie fuhren in den Abend hin- ein, Yorck fragte nicht, wohin. Er fühlte sich gestärkt, beruhigt, trotz der Schmerzen am Hals. Beinahe glück- lich betrachtete er die Landschaft, in der die frucht- tragenden Bäume bewegungslos in einen grünen und goldenen Himmel ragten, und versuchte nicht, Weg- weiser oder Ortstafeln zu erkennen.

Allmählich sank die Nacht hernieder. Yorck fiel in einen leichten, fiebrigen Schlummer, in dem sanfte Worte und Gefechtslärm an sein Ohr drangen und Meerlandschaften, die schrecklichen Augen der Henker

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