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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Sie mußten außerhalb der Stadt niedergegangen sein. Flüchtlinge schwenkten auf ihren Weg ein: Frauen, die Kinder auf dem Rücken trugen und eine Ziege vor sich her trieben, Männer und Halbwüchsige mit Körben und Säcken. Feng zog ihn weiter, durch enge Gäßchen, an leeren, sich verdunkelnden Gärten vor­bei. Die Häuser und Hütten traten zurück. Auf dem lehmigen Weg standen gelbe Lachen.

Die Flieger schienen gerade über ihnen zu sein, als sie zwischen Feldern einen Hohlweg erreichten, der die Sicht auf die Hügel versperrte. Explosionen dröhn­ten von unten her; Reichmann sah im Widerschein aufkommender Feuer seinen Schatten auf der Böschung. Eine schneidende, unstillbare Trauer erfaßte ihn. Der Hohlweg wurde tiefer, es war, als wachse er über ihm zusammen. Plötzlich hatte Feng seine Hand losgelassen, war von seiner Seite verschwunden. Eine nahe Explo­sion warf ihre Helligkeit in den Hohlweg. Er sah zwei, drei Schatten vorbeistürzen, rief Fengs Namen, erhielt keine Antwort und lief weiter. Der Hohlweg wurde finster. Er blieb stehen und rief noch einmal: ,, Feng!" Keine Antwort kam. Heiße Luftstöße fegten an den Wänden entlang. Langsam ging er weiter. Es war ganz dunkel geworden.

Irgendwoher kam ein Hahnenschrei: es wurde lichter. Der Schein fiel schräg von oben über eine steinerne Treppe in den Gang. Das war kein Hohlweg mehr. Sein Herz schlug heftig, ahnungsvoll, als er den Fuß auf die erste Stufe setzte. Ihm war, als müsse er etwas von sich weisen, als müsse er umkehren vor dem nächsten Schritt und zurückgehen, ohne Zögern den Weg zurückgehen, den er gekommen war. Oben er­

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