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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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schien der Himmel, der kalte, leergestrichene Himmel eines frühen Morgens.

Auf einmal wußte er, daß die große Woge, die ihn damals fortgerissen hatte, gleich, in diesem Augen­blick noch sich am Gestade der Gegenwart brechen würde. Er atmete tief und schloß die Augen. Ausgesetzt bei sich selbst, blieb er ohne Antwort, ohne Zeichen, ohne Erlösung. Er war oben angelangt. Dies war kein Traum; diese Reise, unbeabsichtigt, ohne Vorbereitung unternommen, war zu Ende. Klar und kühl wie die Dämmerung der Kindheit lief der Windstoß des Er­wachens durch seine Brust. Auch in Yenan hatte er nicht bleiben dürfen, das bedroht war wie die un­bekannte Welt, wie Paris. Dies war Paris , aber ohne die Flammengüsse von Sodom, ohne die Schwefelglut des Deliriums. Der gewaltig verhaltene Ernst der Stadt belehrte ihn, wenn er es nicht schon geahnt hätte, daß kein Zufall, kein Narkotikum, kein Ver­hängnis die orphische Reise rechtfertigte oder er­klärte.

Der Hahnenschrei erklang wieder, viel näher jetzt, über dem Fluß, der im grünlichen Morgennebel seine Toten unter den Brücken dahin trug: die Seine. Die Fontäne der Place St. Michel rauschte gläsern im letz­ten Schatten der Nacht. Reichmann ging langsam über den Platz, auf dem das harte Rollen und der ungleich­mäßige Hufschlag früher Gespanne erscholl. Er wußte seine Wohnung nahe, sein Atelier, seine Arbeit. Ein nicht vorauszusehender Zufall könnte ihn daran hin­dern, an all dem wieder teilzuhaben. Von Gewalten überkommen, er wußte nicht wie, hatte er eine lange Reise beendet, die ihm nicht aufgetragen gewesen

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