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Eines Morgens brachte ein Bote ein Geschenk des Generals: Wasser- und Ölfarben, Leinwand, Papier und manches andere. Die Ruhe der vergangenen Tage hatte in Reichmann den Trieb zur Arbeit geweckt. Mit Feng war er durch die Felder gefahren, hatte er Schulen besucht und selbst Theatervorstellungen, wo Rezitatoren und Schauspieler dem aufmerksamen, Süßigkeiten verzehrenden Publikum das neue Leben erklärten. Der Maler hatte allmählich hinter all diesen Unvollkommenheiten, dieser fremdartig- vertrauten Armut eine geheime Kraft verspürt, einen unbeirrbaren Ernst, der sich unwiderstehlich auf den Beschauer übertragen wollte. Er malte ein kleines Bildnis Tsus; Bauernbrigaden bei der Arbeit ihre Pflüge wendeten geschwadergleich die Erde um; Yenan als Traumstadt, mit hohen weißen Häusern vor, abendlichen Hügeln. Tsu En Lai dankte ihm, ohne ihn zu loben. Er betrachtete lange schweigend die Bilder, nickte ein paarmal und lächelte. Es war ein schwaches, trauriges Lächeln. das Reichmann manchmal an ihm gesehen hatte; der Maler empfand eine jähe Freude, er wußte nicht, warum, aber Tsu begann von etwas anderem zu sprechen, mit klugen, nüchtern- wissenden Worten, die an Reichmanns Ohr vorbeirauschten wie das Geflüster des hohen Grases auf den Hügeln vor der Stadt, wie eine Melodie der Kindheit, die man nicht mehr singt und nie vergiẞt. Es waren Worte ohne große Bedeutung: Tsu sagte, überall lebten die Menschen ein grausames, qualvolles Dasein; es gäbe zwar einen Weg aus diesem sinnlosen Leben, aber dieser Weg schrecke die meisten: er sei hart, einsam und voller Kämpfe. Wenn man die Qualen der Vergangenheit in sich lebendig erhalte
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