Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
50
Einzelbild herunterladen

das Blätterdach, das sich hoch über ihm wölbte. Das Rauschen der Wasserfälle kam von allen Seiten wie die Stimme der Nacht.

Am nächsten Tage setzte er seinen Weg fort, der durch niedriger werdendes Gehölz unablässig nach oben stieg. Er ging den ganzen Tag über mit ein oder zwei kurzen Unterbrechungen, in einem tiefen ruhigen Glücksgefühl, das in ihm nicht einmal die Frage nach der Art und dem Ziel seines Weges aufkommen ließ. Über einer Schlucht, in der ein Wildbach donnerte, konnte er auf die dichten Wälder hinunterschauen, die ihn wie in einer unwiderstehlich kraftvollen Be- wegung eingeschlossen und auf diese Höhe emporge- tragen hatten. Der Wind fing sich im niederen, zähen Gesträuch, ließ Schatten über die Moosbänke laufen und riß an den knorrigen Ästen der Föhren. Gegen Abend setzte er sich unter einen Felsvorsprung, ver- ‚zehrte den Rest seines Brotes und schlief ein.

Als er in der Morgendämmerung seine Wanderung wiederaufnehmen wollte, fand er, daß er die Höhe des Gebirges erreicht hatte. Ein mächtiges Plateau er- schien jenseits des Buschwaldes, in das der Pfad, vom Tau dunkel gefärbt, gerade hineinlief. Von feierlicher Fremdartigkeit war die Landschaft; die seltenen Bäume, an deren Fuß noch Nebel hing, hielten ihre Äste im Morgenlicht mit schmerzvoll-bedeutender Geste gegen den blaßblauen Himmel. Aber eine Erinnerung reichte aus äußerster Ferne hier herüber, machte das erste Weg- zeichen kenntlich, die Wagenspuren, die blauen Kon- turen der Hügel. Der. Weg bog nach rechts und schien gerade in den Horizont laufen zu wollen, an dem weiß- grüne Federwolken ins Nichts vergingen. Der Pfad

50