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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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wuchsen Wälder empor und erstiegen die Berge, über die das Dunkel sich allmählich zurückzog. Ein un­sichtbarer Flußlauf verriet sich durch einen langen, tiefschleifenden Vorhang aus perlgrauem Nebel, den er über die Wiesen emporsandte. Hinter den niedrigen lehmfarbenen Hängen, die sich am anderen Ende der Ebene erhoben, erschien plötzlich in reinem, gleichsam mühelosem Aufschwung eine Sonne von mattem Gold. Tausende von Gräsern blitzten auf, ein Chor von gur­renden und flötenden Stimmen vereinigte sich mit dem gemessenen Ruf des unbekannten Tagverkünders. Reichmann stand auf. Eine wunderliche Leichtigkeit erfüllte ihn, die er nicht an sich kannte. An einem kleinen Gewässer wusch er sich und trank das kalte, scharfschmeckende Wasser. Er ein Stück Brot und steckte den Rest in die Tasche. Langsam begann er den Weg zu ersteigen, der in den bergwärts gelegenen Wäldern verschwand. So kam er langsam höher, ohne Anstrengung, wie ihm schien, als stieße ihn die Erde sanft weiter, dem Gebirge zu, das manchmal das kör­nige Grau einer Felswand durch eine Lichtung auf­schimmern ließ. Die Mittagssonne konnte die goldene Kuppel der Kronen nicht durchbrechen. Er begegnete keinem Menschen, wenn er auch Spuren menschlicher Tätigkeit fand. Nachmittags rastete er neben einem mächtigen Stoß geschlagenen Holzes, fand später eine verlassene Hütte, die Holzfällern oder Hirten als Un­terkunft dienen mochte, und vernahm schließlich ohne Unruhe die ersten Rufe der Waldtiere, die in der Dämmerung erwachten.

Er nächtigte am Wege, als habe er es nie anders ge­kannt. Ein einsamer Stern durchbrach an einer Stelle

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