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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Hölle aussehen wie diese trostlose Küstenlandschaft, die an keinem Meere lag, mit ihren geteerten Dächern, auf die Fluten fahlen Lichtes wie ein brennender Nia­gara herabstürzten, mit den unerkennbaren Gesichtern, die sich um ihn sammelten, ihm Glück wünschten, weiterschwebten, zurückkehrten.

Es wurde Nacht, eine heiße Nacht ohne Mond, ohne einen Stern, als er das Tor durchschritt. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, ehe er den Bahnhof der nächsten Kleinstadt erreichte, und den ganzen Weg über hörte er das Pfeifen und Rangieren der Maschinen auf der geheimnisvollen Station, die irgendwo rechts von der Landstraße gegen die Wälder zu liegen mußte, an die er schon nicht mehr recht glaubte und die er rasch ver­gaẞ.

Auf dem Bahnhof verging noch fast eine Stunde, ehe sein Zug eintraf. Die Leute neben ihm musterten ihn betreten und scheu, als wüßten sie, wer er sei und woher er käme. Jeder schien voller Ungeduld, als gelte es so schnell wie möglich weiterzukommen. Die Nacht war von ungewisser Gefahr erfüllt. Einmal glaubte Reichmann, das Wort ,, Razzia" gehört zu haben. Un­willkürlich griff er nach dem Papier in seiner Tasche, das seine Überprüfung und Entlassung bestätigte. Aber nun kam schon der Zug, mit einiger Mühe fand er einen Platz, legte das Brot, das er bei sich trug, auf seinen Schoß, und versank in Schlaf, kaum daß er das Knirschen der anfahrenden Räder vernommen hatte.

Er erwachte in völliger Finsternis, und eine lange Frist verstrich, ehe er sich zurechtfand: er saß in dem verlassenen, dunklen Abteil, in das kein Lichtschimmer

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Institut für neuere deutsche Literatur der hists- liebig- Universität Gießen