Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen

Reichmann blieb stehen. Aus den Ritzen quoll der Teer und benahm ihm den Atem. Die unerhörte Hitze brannte in den Handflächen und auf den Schläfen, nur die Kälte in der Brust wollte nicht weichen.

,, Machen Sie, daß Sie hinauskommen! Melden Sie sich am Tor!"

Er ging mühsam hinaus. Unterhalb der Hüften be­gann ein Widerstand, als wate er in tiefem Wasser. Reichmann, David. Reichmann, Hans. War er nicht aufgerufen gewesen?

Aus irgendwelchen Gründen hatte er bis zum Abend zu warten. Er nahm die Mittagsmahlzeit mit den an­deren ein, ging mit einigen von ihnen hin und her, lächelte ermunternd, als jemand die Nachricht brachte, der nächste Transport gehe erst in drei oder vier Tagen ab. Eine Fremdheit gegenüber diesen Leuten wuchs in ihm. Manchen erzählte er von seiner bevor­stehenden Entlassung; überall drückte man Freude darüber aus. Man beglückwünschte ihn. Zwei oder drei gaben ihm unerhebliche Aufträge mit, eine Nach­richt, einen Gruß. Er fühlte die wachsende Fremdheit mit einer tiefen Ungeduld, ja mit einem verzweifelten Ekel gegen sicher sah in Gesichter, beobachtete Hände, Haare, Kleidung, Bewegungen. Plötzlich meinte er zu sehen, wie diese Haare aus der Haut fallen würden, die sie beherbergte, wie die Augen anfingen, Pfützen zu gleichen, kleinen flüssigen Monden, lang­sam verdunstend zwischen Kraut und Gebüsch im heißen Licht eines Tages, der sein würde wie dieser.

Er war schon lange vor Sonnenuntergang am Tor; man ließ ihn weiter warten. Er war voller Unruhe, als plage ihn das böse Gewissen. Gerade so müßte die

46