Dann begann das Verlesen der Namen, endlos, mit einer sekundenlangen Pause nach jedem Namen, wie der eintönige Anruf dämonischer Gottheiten.
Reichmann spürte während der ganzen Verlesung eine hohe, schwebende Leichtigkeit. Mit Überraschung, beinahe mit Enttäuschung wurde er sich bewußt, daß sein Name zu den wenigen gehörte, die nicht aufgerufen worden waren. Die ersten Schreie gellten, die ersten Ohnmächtigen lagen im Staub: Mitglieder von Familien, die der Befehl teils zum Dableiben, teils auf den Transport zwang. Ein Taumel von kraftlosem Aufbegehren und ungehemmter Verzweiflung umfing das Lager, als die Sonne unter den Horizont hinabsank.
Die Bogenlampen brannten nicht an diesem Abend. Im Dunkel vernahm man Kommandos und den Marschtritt von Gendarmerieabteilungen, die das Lager durchzogen. Gegen elf Uhr flammten die Lampen mit einem Schlag grell auf, Signalpfeifen schrillten und hastende Füße flogen ziellos auf den Laufstegen dahin. Hans Reichmann beobachtete, in den Schatten einer Baracke gelehnt, die Treibjagd, die den Verfolgten nicht den geringsten Ausweg ließ. Die Schreie wurden häufiger. Wie Luftwirbel sprang das Entsetzen in den Lagerstraßen, an den Eingängen, zwischen den Baracken auf. Es wurde nun offenbar, daß man Männer von den Frauen, Eltern von den Kindern zu trennen begann. Dabei lehnte sich nur eine Minderzahl gegen das unbekannte Geschick auf: Flucht ohne Ziel bot sich dem Blick und unmittelbar daneben das Schauspiel eifrigen Gehorsams, als liege im Befolgen des Befehls die Rettung selbst. Aber auch die Schreie der Gehetzten,
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