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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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und ihre Beantwortung, wie die Antwort auch immer ausfallen mochte, eine Katastrophe in sich schlossen, eine Katastrophe, deren Ausmaß ihm verborgen bleiben mußte. Er sah auch, daß die Spannung, die sich auf dem Antlitz hinter dem Tisch ausprägte, nur eine äußerste Erschöpfung bedeutete, den Schrecken vor der Leere, die mit gorgonischen Zügen das Zimmer, das Gelände, vielleicht den Kontinent zu durchdringen begann.

Der Beamte entließ ihn, indem er kurz bemerkte, man würde seinen Fall im Auge behalten. Reichmann hörte die Tür hinter seinem Rücken zuknarren. Die Dächer der Baracken glänzten schwarz; die unermeß­lich strömende Glut riß das Lager in einen tobenden feueratmenden Strudel. Die Luft war erfüllt von Lauten, die dem Schluchzen näher waren als dem Gelächter, das sie vorstellten. Reichmann strich am Kranken­revier vorbei, aus dem das Stöhnen und Schreien von Frauen tönte. Über alle Wege kamen schief schwebend die Bahren, auf denen von Krämpfen Befallene lagen. Reichmann war Zeuge des ersten Selbstmordversuchs. Man brachte den Mann mit aufgeschnittenen Puls­adern ins Revier, von dessen niedriger Decke Fliegen­schwärme sich brausend auf ihre Opfer stürzten.

Als es zu dunkeln begann, wurden die Bewohner jeder Baracke versammelt. Funktionäre des Lagers er­öffneten ihnen, die Aufgerufenen hätten ihren Ab­transport gegen Mitternacht zu gewärtigen. In der Stille, die jäh auf dem Lager lastete, hörte man von fern das Pfeifen der rangierenden Maschinen. Wie im Alpdruck vernahm man die gleichen Sätze, die der Mann vor einem sprach, von anderen Baracken her.

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