fordert, in der Baracke des Kommandanten vorzu- sprechen, wo eine Kommission eine Anzahl von Fällen nachprüfte.
Er mußte mehrere Minuten warten und stand dann einem Beamten in Zivil gegenüber, der eine Zigarette an der anderen anzündete und Schriftstücke hin und "her schob, ohne ihn dabei anzusehen. Reichmann be- antwortete schließlich die in zerstreutem Ton gestellten Fragen nach Namen, Geburtsdatum und Domizil. Er betrachtete die hölzernen, mit Verordnungen und aus Zeitungen herausgetrennten Bildern beklebten Wände, als sähe er auf einer weit entfernten Bühne zum ersten- mal das Schauspiel der Trostlosigkeit. Der Beamte spielte mit einem Bleistift und griff mit der Hand in die Staubsäule, die die Sonne quer durchs Zimmer legte. Reichmann hatte Zeit, ihn zu beobachten, dieses Antlitz voll unerträglicher Spannung, das gelassen, ja gelangweilt erscheinen wollte; diese Handbewegung von unüberbietbarer Traurigkeit.
„Sie sind Jude?“
„Nein“, sagte Reichmann.
Der Beamte sah ihn nicht an.
„Wie wollen Sie das beweisen?“ Als wolle er eine Antwort aufhalten, hob er abwehrend die Hand:„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß körperliche Merk- male weder in positivem noch in negativem Sinne beweiskräftig sind.‘
Reichmann hatte nicht beabsichtigt zu antworten. Er hörte das Echo dieser Sätze in sich widerhallen, wie von einem unsichtbaren Klöppel niedergeläutet in die unterste Schicht seiner Existenz. In dieser Sekunde, da der Raum in Qual erstarrte, begriff er, daß jene Fragen
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