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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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immer wieder rangierende Lokomotiven, Lichter wech­selten Farbe und Stand, und Reichmann glaubte plötz­lich zu wissen, daß auf der unbekannten Station etwas Entsetzliches geschehe, etwas, wofür es keinen Namen gibt. Er spähte über den verlassenen Bereich. Niemand war in der Nähe außer den beiden Bewaffneten auf den Ecktürmen, in sich gekehrt und ohne Bewegung. Einen Moment lang dachte er an Flucht die Draht­hindernisse mußten sich ohne viel Geräusch und Mühe überwinden lassen, Schüsse von den Türmen her konn­ten im Halbdunkel nicht allzu gefährlich werden. Dann aber sah er, wie auf einer vergrößerten Photographie, das sich senkende Gebiet im Geist vor sich: eine töd­liche, verräterische Lockung breitete sich da vor ihm aus schwertscharfes Gras über schwankendem Land, aus dem träge Blasen quollen; Wolfsfallen und Fuß­angeln; Scheinwerfer, die mit einem Schlag die Gegend in blauweißes Licht zu tauchen vermochten. Drüben pfiffen und rasselten unaufhörlich die Lokomotiven. Er ging in seine Baracke, warf sich auf sein Lager und blieb bis zum Morgen im Halbschlaf, unter dem schwe­lenden Licht der niedrighängenden Lampen und von Geräuschen gewiegt, die sich in der nächtlichen Schwüle umeinander zu drehen schienen wie rastloser Rauch.

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Es gab keine Grenze zwischen Nacht und Tag. Ein­mal wurde es heller; die Menschen sahen mit fiebrigen Augen aneinander vorbei. Die gleiche rotglühende Sonne lauerte am Horizont und löste sich nur wenig später in feurigen Regen auf. Um diese Zeit flüsterte man einander zu, um Mitternacht werde ein Transport das Lager verlassen. Reichmann, der sich in einem Zu­stand schmerzlicher Ermüdung befand, wurde aufge­

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