Die Blicke wichen einander aus. Ein tonloses Jammern kroch aus den Ecken des holpernden Wagens. Manch- mal erhoben sich Stimmen durcheinander; die Leute sprachen lauter, um den Motor zu übertönen. Hilf- lose, idiotische Satzfetzen, hinter denen nichts als Furcht stand, drangen an Reichmanns Ohr. Man sprach französisch, ungarisch, polnisch, jiddisch.
„Was können sie uns schon tun...“
„Im übrigen soll es dort nicht so schlimm sein...
„Du hättest mich an denWollschal erinnern sollen....“
„Aber nein! Nur eine Überprüfung der Papiere...“
Die Stimmen erstarben im Licht, das sich unerbittlich wieder ins Fahle kehrte. Der trügerische blaßgrüne Himmel, der erfrischende Morgenkühle versprochen hatte, war verschwunden. Geruch von Asche, Öl und stehendem Wasser schlug wolkenhaft über dem Wagen zusammen. Eine böse Glut stieg auf, als habe sie, in Gras und Korn geduckt, in der Ebene genächtigt. Die Gendarmen, den Karabiner zwischen”den Knien, blau- rasiert, mit schlagflüssigen Gesichtern über dem engen Kragen, starrten in den gelben Dunst. Ihre Augen waren ohne jeden Ausdruck wie die Augen von toten Fischen.
Reichmann sah über die Schulter nach dem Un- bekannten hin, der über den Krieg gesprochen hatte. Ein Gesicht, das unerschüttert nach vorn gekehrt war, gleichförmig wie die Straße, die es gebildet hatte, ein Gesicht, an dem nichts auffiel außer den sehr hellen entschlossenen Augen. Der Mann trug einen grauen, sauberen Anzug ohne Form; ein zerdrückter Hut lag auf seinem Schoß. Hinter seinem Profil flog die Land- schaft vorbei, Häuser, die in der Hitze schief hinsanken,
[77
3.019 33


