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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Wirklichkeit, deren Abbild sein vergehendes Bewußt­sein nur gebrochen erreichte. ,, Damit werden sie be­stimmt den Krieg gewinnen." Der Krieg, von dem die Stimme gesprochen hatte, war vielleicht schon seit langer Zeit im Gange, während er, den gelegentlich Zeitungen und Gespräche aufmerken ließen, sich nur einer ungewissen Drohung, einer Gefahr bewußt ge­wesen war. Es war zu spät, Fragen zu stellen. Unauf­haltsam schlugen die Uhren, wie gerade jetzt, als von allen Türmen der unbekannten Stadt die fünfte Stunde nach Mitternacht verkündet ward.

Mit dem letzten Schlag wurde eiliges Laufen hörbar. Befehlsgewohnte Stimmen sprachen lauter; Wagen­türen wurden zugeworfen. Das Automobil setzte sich in Bewegung. Nun erst schien die Straße zu erwachen und den sich Entfernenden nachzublicken. Ein paar Gendarmen waren noch auf den anfahrenden Wagen gesprungen und nahmen im Halbdunkel Platz. Man sah ihre Zigaretten aufglühen und hörte das Scharren der Karabinerkolben auf dem Boden.

Sie fuhren sehr schnell aus der erwachenden Stadt hinaus. Sobald die Häuser zurücktraten und das Band der Landstraße sich vor ihnen entrollte, wurde die Sonne sichtbar: blutig und klein stand sie über dem Horizont, ließ die Julilandschaft herbstlich erstarren und verlieh Gesträuch und Geäst die Züge prophetischer Runen­schrift. Alles war voller Vorbedeutung, Schrecken, wü­stenhafter Versunkenheit. Das Licht desMorgens entklei­dete dieGesichter der Fahrenden, eines nach dem anderen: Müdigkeit und der Schmutz der Zeit flossen trübe die Wangenfurchen jählings gealterter Frauen hinab und hingen klebrig an den Bartstoppeln der Männer.

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