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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Das Flüstern und Raunen, die ständige Regung dieses menschlichen Waldes nahm er mit seltsamer Wachheit in sich auf. Er begann, sich selbst als Teil dieses Waldes zu fühlen. Die Explosionen des Motors drangen als fast unhörbare Erschütterungen aus dem Boden und ließen die Leiber erzittern wie ein ferner Gebirgs­strom die Stämme der Fichten. Mit unregistrierbarer Beharrlichkeit, dachte Reichmann, würden er selbst und all diese Unbekannten an seiner Seite Wurzeln schla­gen, würde sich alles Leben in ihr Innerstes zurück­ziehen, würden sie nun eine völlig neue Existenz be­ginnen, eine Existenz der Handlungslosigkeit, des pflanzenhaften Dahindämmerns. Die im Flüsterton ge­führten Gespräche, aus denen sich manchmal ein Wort ohne Zusammenhang erhob, war nur die phantastische Kulisse, hinter der die Verwandlung sich vollzog.

,, Wieder eine kleine Sache, die sich die Deutschen ausgedacht haben. Damit werden sie bestimmt den Krieg gewinnen."

Das Flüstern erstarb während einer halben Minute. Reichmann horchte auf. Die Stimme hatte sich, ohne Hast, voll ruhiger Kraft aus der Ecke hinter ihm er­hoben. Der Maler drehte sich nicht um. Man hätte den Sprecher nicht erkennen können. Das ohnmächtig­weiche Schleifen und Flüstern der Schatten begann von neuem. Wieder war es Reichmann zumute, als zerrisse etwas in seinem Innern. Immer wieder hatte er Überraschungen hinzunehmen, mit denen er sich nicht auseinanderzusetzen, deren Berechtigung er nicht anzuerkennen vermochte. ,, Damit werden sie bestimmt den Krieg gewinnen." Wie ein Ertrinkender fühlte er gleitende Wasser zwischen seinen Lidern und einer

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