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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Übrigens war dies hier kein Park. Im stärker werden­den Licht erschien eine kleine Anlage, umgeben von Boulevards und den Kulissen vernachlässigter Häuser. Er wollte über seine Empfindungen ins klare kommen: zweifellos fühlte er Furcht Furcht vor einer neuen Erkenntnis, einer Wahrheit, die er nicht ertragen zu können glaubte und die sich ihm gleich in den Weg stellen würde wie ein Straßenräuber. Er stand den uniformierten Männern gegenüber, betrachtete ihre Mützen, das Riemenzeug, die mysteriösen Zeichen, die sie am Kragen trugen, das Weiße in ihren Augen. Angesichts ihrer Gegenwart begriff er, daß das Aben­teuer weitergehen würde. Die Reise war nicht zu Ende.

Er folgte den Männern über den Platz. Tiefe Schatten nisteten noch in den Straßen, während sich über den Dächern ein Morgen voll grüner Kälte auftat. Hun­derte von unsichtbaren Vögeln erhoben ihre grellen, unerklärlich erregten Stimmen. Die Häuser schienen zu schlafen, die Fensterläden blieben geschlossen. Aber in den Torbögen und Einfahrten blitzten Taschen­lampen auf, hallten die Tritte benagelter Stiefel, wur­den harte Befehle laut. Zwei Motorräder, von Be­helmten gesteuert, rasten den Boulevard hinunter und füllten die Straßenschlucht mit dem Geknall der Fehl­zündungen. An der nächsten Ecke hielt ein mächtiger Wagen mit laufender Maschine. Ein Offizier wies den Maler mit einer Kopfbewegung zu den übrigen In­sassen, die sich unruhig, mit den zerfahrenen Bewe­gungen von Gelähmten, im Schatten des Verdecks be­wegten. Reichmann ertastete einen freien Sitz; seine Nachbarn rückten schweigend auseinander. Im Halb­dunkel weinte eine Frau auf.

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