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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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O

Mitte auseinander, vervielfältigte sich und verstummte. Dann schmetterte ein Bündel von Explosionen hoch. Die Wände schwangen langsam vor und zurück. Schleier aus Glas und Kalk verhüllten die tanzenden Fassaden. Nach dem Brüllen der Bomben zog sich die Stadt wie­der in ihr Schweigen zurück, in ein noch tieferes Schweigen, in dem allein das Klirren von Splittern und das Knacken brennenden Holzes lebte.

Als er nach einer langen Pause zu sich kam, waren die beiden Männer verschwunden. Das insektenhafte Drohen neuer Geschwader zog vom Meere her. Reich­mann stieg die Treppe hinab und schlug mechanisch die Richtung ein, aus der er gekommen war. In der Gegend des Hafens mußten Petroleumtanks brennen. Fetter Rauch erhob sich träge und formte einen gigan­tischen Pilz am Himmel. Kein Mensch war zu erblicken, kein Getrappel mehr zu hören. Der Maler sah nach der Uhr, die stehengeblieben war und sechs Minuten nach zwölf zeigte. Drüben auf dem Trottoir lag ein kleines Mädchen mit offenem Rücken; sein Kopf hing über die Bordschwelle, als wolle es aus der Gosse trinken.

Reichmann ging weiter. Er bemühte sich, geradeaus zu blicken. Das schluchzende Rauschen der Motoren schien gerade über seinem Scheitel zu sein. Die Schüsse der Abwehr mußten schon lange verstummt sein, und er zuckte die Achseln. Er mußte sich ganz auf das Atmen und Gehen konzentrieren. Neue Einschläge dröhnten aus größerer Entfernung. Die erstorbenen Straßen füllten sich mit Wirbeln heißer Luft, um die Ecken pfiff es in Stößen und trieb Papierfetzen und leere Blechbüchsen über die Fahrbahn. Ein aufgerisse­

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