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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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nes Haus schlug mit geblähten Vorhängen wie ein ge­spenstisches Schiff, das alle Segel gesetzt hat.

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Später entsann er sich, daß er den Platz erreicht, den Tunnel wieder betreten hatte. Die Zahl der brennen­den Lampen hatte sich noch vermindert. Schatten suchten einander mit rauhen, abgebrochenen, klagen­den Rufen. Man stieg über Essende, Rauchende, Schla­fende. Vor Reichmanns innerem Blick erschien die Vision eines unterirdisch lebenden Kontinents dem Zustand ward Dauer vorhergesagt, ja, bereits Dauer verliehen durch die Versuche der Vertriebenen, sich einzurichten, und hier und da wurde- heitere Stim­men und Gelächter bewiesen es von ihnen un­zweifelhaft schon etwas wie Behaglichkeit empfunden. Es mußte inzwischen längst Nacht geworden sein. Der Maler wähnte ein paarmal das ferne Heulen der Sirenen zu hören, aber er stolperte immer weiter, ohne sich aufzuhalten, mit brennendem Blick, ermü­detem Hirn und lechzendem Mund. Irgendwo fiel er zusammen und schloß die Augen.

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Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, als ihn ein beharrliches, heftiges Rütteln an der Schulter weckte. Der Strahl einer Taschenlampe traf einen Moment lang sein Gesicht. Das Dunkel war einer Dämmerung ge­wichen. Ohne Anstrengung erkannte Reichmann die Ge­sichter, die sich ihm zukehrten. Zunächst kümmerte er sich wenig um das Anliegen, das man an ihn hatte. Er war verwundert, sich auf einer Bank zu finden, Ge­büsch, Bäume, ein Denkmal in geringer Entfernung vor sich zu erblicken. Die letzten Sterne verblaßten im Geäst. Weit im Osten wuchs ungewisse Helligkeit.

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