Die Sirenen murrten dumpf und verstummten. Das seidige Dröhnen eines Hummelflugs drang aus dem schwefelfarbenen Himmel.
„Caproni‘, sagte der Kleine:
„Savoia‘“‘, sagte der Ältere, ohne hinauszublicken.
„Stimmt, Sovoia!‘ sagte der Kleine und seufzte, „Wollen wir einpacken?“
Das undeutliche, blinde, planlose Laufen beschuhter und nackter Füße drang durch die Fenster. Plötzlich wußte man die Straße geisterhaft belebt. Einmal schrie eine Frau unterdrückt auf. Dann verstärkte sich das Rascheln und Huschen laufender Füße, als flüstere ein Chor entsetzter Stimmen die Litaneien der Furcht. Reichmann stand mit dem Rücken zur Straße und seinem Ohr entging nichts. Ein Kalender fiel ihm auf, der kalkbefleckt über der rissigen Tapete hing: er zeigte den 26. Juli 1936. In Reichmanns Innerem zer- riß etwas. Ihm war, als müsse er sich sofort, ohne Ver- zug eines Umstandes entsinnen, der, wenn er leben wollte, so wichtig war wie das Atmen.
Dann hörte er wieder die Stimme des Älteren:„Bist du in der Gewerkschaft?‘ Reichmann antwortete nicht. „Wenn du Zeit hast, kannst du im Gewerkschaftshaus nach mir fragen. Du erkundigst dich nach Antonio. Zimmer 16.“
Die Luft begann sich zu rühren. Reichmanns Adern zuckten wie Fische, die eine Springflut am Strand zu- rückgelassen hat. Er sah nach den Fenstern hin und rang nach Atem. Die fahle Glut der Straße hatte sich dunkel verdichtet und ergoß sich wie ein tintiger Strom ins Zimmer. Ein hohles Kreischen, ähnlich dem Ge-
räusch einer riesenhaften Säge, riß die Stadt in der
26


