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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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,, Irgendwo schießen sie wieder, die Idioten, die Huren­söhne. Ich möchte wissen, wann wir endlich Schluß mit ihnen machen, ich meine, richtig Schluß."

In unregelmäßigen Abständen knackten und rollten gigantische Erbsen über die Dächer. Reichmann sah sich um. Neben der Tür bemerkte er ein zerstoßenes Klavier. Er ging hinüber, hob den Deckel von den Tasten, schloß ihn wieder. Sein Blick streifte ein paar abgegriffene Notenhefte: La Cucaracha, Waldteufel, ein Menuett von Beethoven .

,, Bist du Musiker?" fragte man hinter ihm.

,, Nein, Maler", sagte Reichmann, während er weiter Gegenstände und Tapeten musterte, in deren Ver­wahrlosung und Ermüdung er eine stolze Strenge, eine verborgene Schönheit wahrnehmen zu können glaubte. ,, Maler? Beim Bau? Oder bist du Künstler?" fragte der Ältere.

Der Kleine, dicht am Fenster, sagte: ,, Schweine. Diese Schweine. Da kommen sie wieder."

Fast im gleichen Augenblick erhoben sich die ver­wirrten Schreie der Sirenen über der in der Hitze ge­ronnenen Stadt. Blaue und goldene Schatten fielen über die Dächer; ein Geschütz hustete hoffnungslos. ,, Ich male Bilder", sagte Reichmann, und ihm war, als kehre sich sein Inneres nach außen. Die Schatten liefen über die Dächer, übersprangen die Straße, flohen die Wände entlang.

,, Du solltest Plakate malen", sagte der Ältere ,,, ein Plakat zum Beispiel, daß sie dazu bringt, uns ein paar gottverdammte, aviones' zu schicken."

,, Sie kommen natürlich von der See her", sagte der Kleine am Fenster ,,, zehn, zwölf, achtzehn."

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