Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen

an diese Stelle bannte? Wie durfte er diesem Schau­spiel zusehen, unter dem ewig schwelenden Himmel, neben diesen gleichgültigen Fassaden, den dahindäm­mernden Palmen, in dieser unverwundbaren Laut­losigkeit? Er bemerkte die schwarzen Pfützen schmel­zenden Asphalts, die sich auf der Straßendecke aus­breiteten. Ein Mann an der Schwelle des Alters, fühlte er, daß ihm jetzt erst unwiderruflich die Jugend entglitten war. In ungeheurer Feindseligkeit schwieg die leere Straße um ihn, lebendig und verändernd wogte nur das glühende Element, das die Maschine und ihren menschlichen Inhalt ergriff, entstellte und verzehrte. In der Ohnmacht des Alpdrucks sah der Maler, wie durch zahllose Lichtjahre von ihm getrennt, das Ende eines verwandten, gänzlich unbekannten Universums. Mit einemmal begriff er, daß der Handschuh, unter dem jetzt ein dunkler Fleck entstand und sich ver­breiterte, nicht leer war. Er wankte und tastete nach einem Halt.

Jemand schrie aus dem Fenster über ihm. Reichmann begriff, stolperte in den Hausflur und zog sich die Treppe hinauf, auf der es nach Knoblauch und Katzen roch. Man hatte ihn vor dem Benzintank gewarnt, der jeden Augenblick explodieren konnte. Eine Tür im ersten Stock stand weit offen wie ein toter, schreck­verzerrter Mund. Reichmann trat in ein ziemlich großes, verwahrlostes Zimmer, das fast leer war. Vorn zwischen den beiden von Sandsäcken halbverdeckten Fenstern unterhielten sich leise zwei Männer, die nachlässig die Straße beobachteten. Auf einer Kiste stand ein altes Hotchkiẞgewehr, dessen Mündung schräg nach unten zeigte. Ein paar Gurte lagen am Boden. Über den Rand

23