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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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beinahe im gleichen Moment schämte. Wie ein Schiff­brüchiger, der von seinem Floß aus dem immer höher über den Horizont emporwachsenden Dampfer zu­winkt, lächelte Reichmann dem kleinen Wagen ent­gegen, in dessen blauem Lack Glanzlichter flammten. Dieser Moment sollte dem Maler immer im Gedächt­nis haftenbleiben; die kleine Limousine, die jetzt langsamer fuhr, in der nichts erkennbar war außer einem braunen Handschuh auf dem Lenkrad- der Retter, nach dem Reichmann der Ruf schon auf die Lippen stieg.

Das kleine blaue Auto setzte zu einer Kurve an. In diesem Augenblick dröhnte über Reichmanns Kopf eine lange Kette von Explosionen. Der Feuerstoß lief durch Eisenblech und Fensterglas wie Nadeln einer riesigen Nähmaschine. Das Maschinengewehr verstummte so­fort, und Reichmann sah, wie der braune Handschuh durch das Fenster flog und vor seine Füße rollte, wäh­rend der kleine Wagen in seine Kurve hineinschoß, den Bürgersteig erkletterte und mit einem dumpfen Stoß gegen die Mauer zum Stehen kam. Die Stille in der Straße war wieder vollkommen. Aus dem Innern der Limousine kam kein Laut. Unsichtbare Flammen krochen über den blauen Lack, brachten ihn zum Sie­den und ließen die Luft erzittern.

Vor der andrängenden Hitze wich Reichmann zurück, ohne die Augen von dem brennenden Wagen abwen­den zu können. Seine Beine bewegten sich unter ihm wie eine schleimige, gelenklose Masse. Er bebte so heftig, daß er vermeinte, eins zu sein mit der tanzen­den Luft, die über der Brandstätte flackerte. So ist es also, dachte er wie im Traum. Was war das, was ihn

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