war weiter vorgerückt, die Leere der Straßen noch schreckensvoller, aber dieser Platz, auf dem er stand, war weder die Place St. Michel noch irgendeine Stelle, die ihn an Paris gemahnte, die Paris war. Und doch hatte er hier schon einmal gestanden, schon einmal hatte sich die Sonne in den langen Fensterreihen der grauen, abweisenden Fassaden gespiegelt, schon einmal hatte der Geruch des Meeres, der mitleidlosen Glut vermählt, ihn so bedrängt. Das Meer? Welches Meer atmete hinter dem Feuerhauch der Mietskasernen, hinter den staubverzuckerten Straßenbäumen und stumpfblinkenden Bogenlampen?
Reichmann war, als könne er sein eigenes Gesicht sehen, wie es grau wurde hinter dem Schweiß, der zäh und bitter die Wangenfurchen hinabfloß. Wo war sein ihm entfremdetes Heim, wem konnte er noch vertrauen, wohin ging die Reise, die er nicht angetreten hatte, deren preisgegebenes Geschöpf er war, wer hatte ihn auserwählt? Die Augen schließend spürte er das ununterbrochene Sterben in seinem Leibe, das Vergehen und gierige Werden der Zellen, aus denen sein ungetreues Bewußtsein hervorging. Die Übergänge beherrschten die Stunde. Er sprach den Namen aus, diesen unglaublichen Namen, während die Stille um ihn pfiff, dröhnte, kreischte- Barcelona . Dies war Barcelona ; es gab keinen Zweifel.
Als müsse er zum zweitenmal in seinem Leben gehen lernen, bewegte er sich, von Furcht und Sonne geblendet, die nächste Straße hinab, die sich breit vor ihm auftat. Er schaute um sich, und aus den Tiefen der Vergangenheit erhoben sich blaß die Erinnerungen an diese Stadt, in der er sich einige Tage aufgehalten, ehe
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