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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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war es an Reichmann, erstaunt aufzublicken. Was sollte diese Erklärung? Ob du seit langem hier lebst oder nicht, mein Freund, dachte er, das kümmert mich wenig, allenfalls den Präfekten. Beide waren schon, ihren Weg fortsetzend, einige Schritte auseinanderge­raten, da rief ihm der Fremde nochmals eifrig nach, der Ausgang zum Platz sei beinahe erreicht( er sagte ,, Plaza" und Reichmann entschied sich befriedigt für den Spanier), er möge sich heute aber links halten, sonst... Mit einer unbestimmten Gebärde verlor er sich hinter der nächsten Krümmung.

Sollte Vorsicht geboten sein? Er hatte seit Tagen keine Zeitung mehr in der Hand gehabt. Aber vor wem sollte er sich hüten? Was ihn bedrohte, war vielleicht in keiner Zeitungsspalte der Welt zu finden.

Der Fremde hatte übrigens wahr gesprochen. Reich­mann näherte sich dem Ausgang dieses lächerlichen Ganges, der sich kilometerweit unter der Erde hin er­streckte, um schließlich an die Oberfläche zurückzu­führen. Im Weitergehen befiel ihn eine knabenhafte Neugier, und er dachte an längst vergessene Entdeckungs­züge durch die heimatliche Stadt, an Strom und Wein­bergen hin. Die Stufen langsam höher steigend, war er ganz mit diesen Erinnerungen beschäftigt, so daß er die Augen erst erhob, als er auf dem Platz angekom­men und schon einige Schritte weitergegangen war.

Was er sah, vermittelte ihm die Empfindung eines Sturzes aus sehr großer Höhe, eines Sturzes ohne Halt und Rettung, wie man ihn manchmal im Traum erlebt. Er schaute zum Himmel auf, der derselbe geblieben war, eine Glocke aus fahlen Flammen. Die Tageszeit

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